Das „All-you-can-treat“ – Buffet

all you can treat

Viele Menschen mutieren ab dem Haupteingang eines Krankenhauses in Wesen eines anderen Planeten. Auf diesem Planeten herrscht Angst und Schrecken, Misstrauen und Ablehnung. Diese Wesen kennen keine Höflichkeit und Freundlichkeit. Ihre Menschlichkeit erkennt man daran, dass sie jegliches Schamgefühl vor der Türe lassen und kleinkindliche Züge annehmen. Sie stellen sich an das „All-you-can-treat“ Buffet und warten auf die ganzheitliche Gesundung über Nacht. Schließlich hat man ja damals, also noch vor dem Haupteingang, für alles bezahlt.

Liebe Wesen des anderen Planeten, bitte erinnert euch doch an eure Mütter und Väter. „Ich will“ gibt es nicht. „Ich kann nicht“ auch nicht. „Bitte“, „Danke“ und ein Lächeln hilft immer.

Liebe Wesen des anderen Planeten, die Zeit auf dem Planet Krankenhaus läuft langsamer als auf eurem Planeten. Die Zeit kommt euch noch länger vor, weil ihr nichts zu tun habt und sich die Welt auf eurem Heimatplaneten so wahnsinnig schnell weiter dreht. Die Arbeiter auf dem Planet Krankenhaus haben aber dafür umso mehr zu tun.

Liebe Wesen, es wird sich um euch gekümmert. Aber es gibt bei unserem Buffet keine Heilung bis zum Folgetag, keine Genesung bis zur Entlassung, kein Essen von Muttern, keine Aufbauspritzen und kein Wohlfühlserum. Der Arm ist gebrochen. Aber die Rückenschmerzen seit 30 Jahren sind wieder ganz besonders schlimm? Und was kann man gegen das seit Jahren bestehende Sodbrennen machen? Müsste man da nicht einmal in den Magen schauen? Das Bein schmerzt auch beim gehen. Könnte man nicht nach den Gefäßen am Bein sehen? Immer wieder drückt es auch so im Oberbauch und in der Brustgegend – nicht, dass das Herz was hat? Wenn man schon da ist, dieser Ausschlag unter den Brüsten, müsste sich das ein Dermatologe ansehen?

Liebe Wesen, schraubt eure Erwartungen vom 5-Sterne-Hotel auf 2-Sterne herunter. Erwartet ein 3-Gänge-Menü und kein „All-you-can-treat“-Buffet. Das ist wegen Überlastung schon längst geschlossen.

Liebe Wesen, wenn ihr eintretet, bitte bringt Folgendes mit:

Hilfe, ich muss ins Krankenhaus!

 

Bildquelle: flickr.com, by Wesley Fryer

Warum hört mir denn keiner zu?

Kopfhörer

Ich habe Wehen. Seit 18 Stunden. Nicht so alle 5 Minuten. Nein, eher so alle 1,5 bis 2 Minuten. Die ersten 2 Stunden war alles bestens. Naja, bis auf die Schmerzen. Aber dann haben sich die Wehen verändert, die Schmerzen verändert. Sie drücken und schmerzen anders, irgendwie nicht richtig. Nicht an der richtigen Stelle. Tja, das versuche ich jetzt seit einigen Stunden den Hebammen zu erklären. Mittlerweile der dritten Hebamme. Bald kommt wieder Hebamme 1 aus ihrem Nachtschlaf zurück. Klasse. Aber keine glaubt mir. „Ja, ich weiß.“ Wenn ich diesen Satz noch einmal höre, platze ich. Aber dafür habe ich keine Kraft. „Ja, das kann ganz schön lange dauern bei der ersten Geburt. Haben Sie Geduld. Die Wehen sind kräftig. Der Muttermund ist schon bei 5cm.“ Das ist er seit einigen Stunden. Es stimmt was nicht. Selbst wenn es meinem Baby gut geht, ich spüre das. Ich erinnere mich an Herr Franke. Wie er vor mir stand und schrie: „Ich kann es nicht mehr hören! Was sollen diese Unterstellungen! Ich habe Schmerzen und keiner glaubt mir!“ Ich fühle mich genauso wie er. Keiner glaubt mir. Ein schreckliches Gefühl. Mein Mann steht allein gelassen und verzweifelt neben mir. Er kann mir nicht helfen. Auch ihm glaubt keiner. Ich flehe Hebamme Nummer 3 an. „Bitte, bitte, bitte. Ich weiß, sie glauben, alles ist gut. Aber ich mir sicher, dass diese Schmerzen falsch sind. Es sind die falschen Schmerzen. Die Wehen sind nicht an der richtigen Stelle. Auch wenn ich noch nie ein Kind geboren habe, aber mein Körper sagt mir, das das nicht richtig ist. Nein! Ich möchte kein Globuli 300 und kein Beruhigungssaft 250 und auch keine weitere Massage. Bitte schauen Sie nach.“ Ich sehe, wie sie zweifelt. Schließlich gibt sie seufzend nach. „Ok, ich lasse die Ärztin einen Ultraschall machen. Aber ich sage Ihnen gleich, dass alles ok ist.“ Der Ultraschall zeigt, dass mein Kind im hohen Geradstand liegt. Der Kopf drückt nicht in die richtige Richtung. Deshalb geht es nicht vorwärts. Mein Körper sagt mir das. Seit über 10 Stunden. Warum haben in unserer Berufsgruppe „Medizin“, so viele Menschen aufgehört, zuzuhören?

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Bildquelle: flickr.com, by Peter Mandok

Wem kann ich denn nun vertrauen?

Blind

In meinem Mutterpass steht – Hebammensprechstunde. Da war ich nämlich. Haben die im Krankenhaus bei der Geburtsvorbereitung gesagt. Soll ich bitte hin. Schon mal das Zettelgedöns ausfüllen. Allergien, medizinische Besonderheiten, Wünsche und Hoffnungen äußern. Ob ich es denn gerne ohne PDA probieren möchte. Ob lieber mit oder ohne Kügelchen, Hokuspokus und Akupunktur oder eben doch die Tendenz zum Kaiserschnitt. Saugglocke, Dammschnitt und Co wird erläutert. Ob ich im Wasser oder in der Hocke gebären möchte. „Äh, wie bitte?“ Ich wünsche mir ein Kreissaalbett in gelb und eine Fußmassage. Wie meine Vorbereitungen aussehen. Räusper. „Bitte?“ Ich höre, dass ich falsch sitze, so kurz vor der Geburt. Ich liege falsch und esse falsch und mache zu viel Sport. Den falschen Tee, die fehlenden Kügelchen, die falsche Massage. Ob mir mein Frauenarzt das denn nicht gesagt habe? Räusper. Nein. Nur den anderen Tee und die andere Massage, die andere Gebärposition und mehr Sport. Gebären scheint ein weites Feld zu sein. Die Hebamme schüttelt frustiert den Kopf. Sie erfährt, dass ich Ärztin bin. Eine Schimpftirade auf die niedergelassenen Gynäkologen, die zunehmende Geburtenrate und die fehlenden Hebammen beginnt. „Hören Sie in diesem Fall nicht auf die Ärzte. Hören Sie auf uns und wir bekommen das schon hin.“ Es folgt eine Aneinanderreihung der Top 20 notwendigen Dinge, die ich zur Vorbereitung auf die Geburt machen soll. Mir wird schwindelig. Eine Liste mit den Top 20 für die Nachbereitung, wird mir zum Abschluss in die Hand gedrückt. Riecht nach Stress.

Als mein Frauenarzt den Mutterpass sieht, geht das Kopfschütteln weiter. „Warum waren Sie denn da?“ Na, eben, Zettelgedöns, Vorbereitung, Hokuspokus und so. „Hebamme kommt vom Germanischen, die Hebende.“ „Ja?“ „Ich war 25 Jahre im Krankenhaus um habe Kinder geboren. Hebammen heben zum Schluss das Kind der Mama auf den Bauch oder zeigen es dem Vater. Top 20 before und Top 20 after können Sie in den Müll werfen. Hören Sie nicht auf die Hebammen.“

Scheint ja ein tolles Verhältnis zu sein, so zwischen Gynäkologen und Hebammen. Ich bin irritiert. Ich dachte, diese Spannungen gehörten der Vergangenheit an.

Eines weiß ich nun aber sicher. Vorrangig vertraue ich einfach mal auf meinen Körper.

 

Bildquelle: flickr.com, by Eddie~s

Hilfe, es blutet!

Buch

Meine neue Rubrik ist online! Für den alltäglichen Wahnsinn gedacht.

WISSEN to go!

Die ersten Ideen findet ihr hier:

Hilfe, es blutet! ist online, Hilfe, er stirbt! und Hilfe, sie weint!

Jeglich Haftung ist natürlich ausgeschlossen. Dies sind meine ganz persönlichen Empfehlungen. Die Ratschläge sind nicht allgemein gültig und könnten niemals einen Arztbesuch ersetzen.

Habt ihr Wünsche und Ideen zu weiteren Themen? Schickt sie mir doch zu:

unfallchirurginundmutter[@]googlemail.com

 

 

 

Bildquelle: flickr.com, by Olli Henze

 

Der Mann, das starke Geschlecht

Männer-Parkplatz

Liebe Follower,

gestern Nacht hat mich eine Email erreicht, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Sie kommt von Steffen. Er ist ist Vater zweier Kinder und Ehemann einer Unfallchirurgin. Mein Artikel „Ihr Platz im Bus ist hinten – das sind die Plätze für Schwarze.“, hat ihn wohl ziemlich aufgewühlt. Er hat mir auch schon zum Artikel „Liebe Väter in Elternzeit,“, eine sehr berührende Nachricht geschickt. Diese Emails zeigen mir, wie sehr das Thema der Vereinbarkeit, nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer, belastet.

Lieber Steffen, vielen herzlichen Dank für deine Nachricht. Ich freue mich sehr darüber, die Email veröffentlichen zu dürfen. Auch in Zukunft freue mich sehr über deine ehrlichen Kommentare. Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute!

Brief von Steffen: 

Hallo Lieschen,

vielen Dank für deinen Artikel „Ihr Platz im Bus ist hinten, das sind die Plätze für Schwarze.“
Meine Frau ist ebenfalls Assistenzärztin in der Unfallchirurgie und wir haben zwei Kinder im Alter von 4 und 2 Jahren. So verfolgen wir mit großem Interesse deinen Blog. Was mir immer wieder hohen Blutdruck verschafft, sind die Beiträge zum Thema Männer-Frauen-Vereinbarkeit. Den hohen Blutdruck bekomme ich, weil ich diese Situationen absolut nachvollziehen kann und aus dem Leben meiner Frau und aus meinem eigenen Leben zu Genüge kenne. Deshalb folgt nun mein Appell an die Männer:

Männer, warum halten wir uns für das starke Geschlecht?

Ist es nicht stark, eure Söhne und Töchter (auf die ihr ja soooo stolz seid) zu gebären? Ist es nicht stark, nach den körperlichen und seelischen Anstrengungen einer Geburt, den schlaflosen Nächten danach, der Veränderung des eigenen Körpers, auch noch ein zweites, drittes, viertes oder fünftes Kind zu bekommen? „Ich habe echt noch Lust auf ein viertes Kind“ sagt mein Kollege, der unter der Woche 300 km entfernt von seiner Frau und den drei Kindern in einem Hotel wohnt, und sich am Wochenende auf halber Strecke mit seiner Familie bei seinen Schwiegereltern trifft. Ist das stark?

Sind wir so „stark“, dass wir Frauen für die gleiche Position und die gleiche Arbeit weniger Gehalt bezahlen?

Wäre es nicht stark, wenn wir Männer einen Tag frei nehmen, wenn unser Kind krank ist? Wäre es nicht stark, wenn wir nicht nur zwei „Vätermonate“ in den Urlaub fahren, sondern uns mehrere Monate um den oder die Kleine kümmern? Wäre es nicht stark, pünktlich zum Abendessen zu Hause zu sein um die Kinder ins Bett zu bringen? Wäre es nicht stark, in Teilzeit zu arbeiten, damit unsere Frauen wieder Vollzeit einzusteigen? Wäre es nicht stark, wenn wir kochen, waschen, bügeln, putzen, Windeln wechseln, Kinder anziehen und sie betreuen würden? Wäre es nicht stark, wenn arbeitende Frauen keine Rabenmütter und Väter, die zu Hause sind, keine Waschlappen oder Arbeitsverweigerer wären? Wäre es nicht stark, wenn jedes Paar seine Familie so organisieren könnte, wie es für sie möglich ist? Wäre es nicht stark, dies dann einfach zu akzeptieren? Und wäre es nicht stark, wenn das alles als „normal“ empfunden werden würde?

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Männer und Frauen. Biologische Unterschiede. Das ist alles. Aber es gibt kein starkes und kein schwaches Geschlecht. Es gibt kein besseres und kein schlechteres Geschlecht.

Und trotzdem machen wir diesen nicht vorhandenen Unterschied jeden Tag zum Thema und leben unseren Kindern vor, dass es da offensichtlich doch einen Unterschied gibt.

Es ist Zeit, das zu ändern!

Liebe Grüße,

Steffen

 

Bildquelle: flickr.com, by YouWatch

Ihr Platz im Bus ist hinten, das sind die Plätze für Schwarze,

Hirsch

„Nein, ich nehme keine Elternzeit. Ich möchte mit meiner Weiterbildung fertig werden. Ja, ich weiß, dass ihr Frauen benachteiligt seid. Aber das ist halt so, mit der ganzen Elternzeit und der Teilzeitarbeit und so weiter. Wir Männer können schließlich noch keine Kinder bekommen.“

sagt mir ein Kollege im Gespräch über die weitere Planung unserer Berufswege. Wir, er und ich, werden bald Eltern. Nicht zusammen. Also, er mit seiner Frau und ich mit meinem Mann.

„Ja, ihr Platz im Bus ist hinten – das sind die Plätze für Schwarze.“

Lest weiter in meinem Wutbrief…

Eis kühlt Hitze, oder etwa nicht?

Eis Hitze

Es ist heiß. Alle benehmen sich etwas seltsam. Die Zündschnuren sind mal wieder extrem kurz. Und bei den Temperaturen brennt die Lunte echt schnell. Der Fahrer des BMW heute morgen zum Beispiel. Mittelfinger, Hupkonzert, laute Schimpftirade. Obwohl ich von rechts komme und Vorfahrt habe. Hätte ihn wohl trotzdem vorbei fahren lassen sollen. Oder Schwester Brigitte.

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