Das „Innere“ Auge

Auge

Die Station ist vollgepackt mit Patienten der Alterstraumatologie. Nicht, dass wir Zentrum der Alterstraumatologie wären. So mit Geriater, Internist, Extra Physio und Extra Ergo. Nein, auf unserer Station sind aktuell einfach nur alle alt und krank.

Zur Zeit wünschte ich mir diese Zertifizierung. Naja, nicht die Zertifizierung an sich, aber unbedingt den Geriater oder den Internisten. Alt und krank ist nämlich so eine spezielle Sache. Hier brennt das unfallchirurgische Herz nicht auf höchster Flamme. Es heizt eher wie eine schwache Glut um 4 Uhr morgens. Bei einigen meiner Kollegen zumindest.

Der ein oder andere reißt also jeden zweiten Tag 25 Pflaster von kleinen Wunden nach operierten pertrochantären Femurfrakturen, medialen Schenkelhalsfrakturen, Humeruskopffrakturen oder Radiusfrakturen. Ein postoperatives Labor wird abgenommen und vielleicht noch ein zweites im Verlauf. Das postoperative Röntgenbild erfolgt im Patientenbett. Und dann werden die alten bis sehr alten Patienten nach spätestens 7 Tagen ins Pflegeheim oder in die Kurzzeitpflege verlegt.

Erledigt. Wunderbare Sache.

Wenn da nur nicht das „innere Auge“ wäre. Ich kenne dieses Auge leider gut. Einige meiner Kollegen und Kolleginnen auch. Das sieht nämlich mehr als Pflaster, Hb und Quick. Das sieht Ödeme, Brustschmerzen, Dyspnoe, Exsikkose, Entzündungswerte, fehlende Ausscheidungen und absurde Elektrolytentgleisungen. Sachen gibt es.

Sachen, die doch sonst nur den Geriater interessieren. Oder den Internisten. Natürlich den ambulant behandelnden Facharzt, wenn es nach den wenigen unfallchirurgischen Kollegen in meinem Team geht, die auf Sparflamme brennen.

Manchmal haben sie, oder vielmehr die Patienten, Glück. Sparflamme ist sogar häufig eine geniale Sache. Die Patienten bleiben gar nicht so lange in unserer Behandlung, bis wir die Pneumonie, die Dekubiti oder die katheterassoziierten Infekte detektieren.

Manchmal eben aber auch nicht. Wenn etwa das perioperative Geschehen und das verordnete Voltaren bei der chronischen Niereninsuffizienz im Verlauf zur akuten Verschlechterung führt, die Elektrolyte entgleisen und die Patienten daran versterben. Oder die Dyspnoe erstes Anzeichen für die fulminante Lungenembolie ist. Oder hinter den Ödemen eine Herzinsuffizienz steckt, die bis zur akuten Entlastung großer Pleuraergüsse, unbehandelt bleibt.

Spätestens dann braucht man einen Anwalt und keinen Geriater mehr. Sachen gibt es.

 

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Bildquelle: flickr.com, by Conal Gallagher

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„Irgendwann ist Feierabend“

Feierabend

„Arbeitende Mütter sind noch lange nicht so akzeptiert, wie arbeitende Väter.“

„Beruf und Familie klappen. Persönliche Freizeit bliebt nicht übrig.“

Wie ihre Leben als Ärztinnen und Mütter aussehen, schildern eine Chirurgin, eine Psychiaterin und eine Anästhesistin im Interview, hier auf dem Blog.

Die Interviews sind ehrlich, persönlich und ungeschönt. Sie handeln von Prioritäten, notwendiger Abgrenzung und dem Schritt, die Kinder in die Fremdbetreuung zu geben.

Vielen Dank für die Beantwortung der Interviewfragen! Ich bin sicher, dass sich einige angehende Ärztinnen und werdende Mütter fragen, wie eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf, möglich ist.

Wenn ihr auch Teil dieses Blogs werden und anderen Frauen ein Beispiel geben wollt – einfach mitmachen, Fragen beantworten und an mich zurück senden auf unfallchirurginundmutter[@]googlemail.com. Ich freue mich auf eure Antworten!

 

Bildquelle: flickr.com, by Rolf Dietrich Brecher

Die Fehler der anderen

Fehler

Oft erzählen mir Kollegen von Fehlern, die andere Ärzte gemacht haben und die sie jetzt ausbaden müssen. Dass sie sich bei mir beschweren, ist zwar manchmal nervig, aber in Ordnung. Dass sie das auch im Beisein betroffener Patienten tun, ist in meinen Augen unkollegial.

„Welches Antibiotikum hat Ihr Hausarzt Ihnen verschrieben? Das ist nicht erste Wahl.“ Der Internist neben mir schüttelt den Kopf. „Wir schließen eine Thrombose aus und nehmen Ihnen Blut ab, um die Entzündungswerte zu kontrollieren. Ich denke, Sie müssen ein paar Tage stationär bei uns bleiben. Dann bekommen Sie das richtige Antibiotikum über die Vene.“

Das ist irgendwie unkollegial.

Der Patient sitzt Schultern zuckend auf der Liege und hat ein großes Fragezeichen im Gesicht. In unserem Aufenthaltsraum in der Notaufnahme fragt mich der Internist: „Clindamycin bei einem Erysipel. Warum denn sowas?“

„Vielleicht hat er eine Penicillinallergie?“

„Der Patient sagt Nein.“

„Aber musst du das so gegenüber dem Patienten äußern? Vielleicht hat sich der Hausarzt ja was dabei gedacht. Der Patient ist jetzt total verunsichert. Wahrscheinlich bereitet er gedanklich schon den Brief an den Rechtsanwalt vor. Das ist irgendwie unkollegial.“

Der Internist zuckt mit den Schultern. „Sei doch nicht immer so politisch korrekt. Ich muss jetzt den Mist ausbaden. Du hast doch gesehen, dass der Kerl i.v. Antibiose braucht.“

Ich seufze. Toll. Unter Ärzten. Echt klasse. Richtig himmlisch gute Voraussetzungen für ein gutes Miteinander.

„Komplikation über Komplikation. Ich rieche es schon.“

Später am Tag kommt der Patient mit der vermutlichen periprothetischen Oberschenkelfraktur aus der Reha angefahren. Der Notarzt, Kollege Oberfeldwebel aus meiner Abteilung, übergibt mir die Daten im Beisein des Patienten. „Herr Maier ist in der Reha gestürzt. Das ist bestimmt eine periprothetische Fraktur. Erst vor 10 Tagen hat er eine Kurzschaftprothese bekommen. Natürlich nicht bei uns. Das war der völlig falsche Prothesentyp für ihn.“

Herr Maier schaut ungläubig von einem Arzt zum Nächsten. Ich schüttle mal wieder den Kopf. „Herr Maier, wir machen jetzt mal ein Röntgenbild. Danach sehen wir weiter.“ Kollege Oberfeldwebel frage ich, was das denn soll.

„Warum sagst du so etwas? Auch noch im Beisein des Patienten?“

„Wenn das eine periprothetische Fraktur ist, weißt du selbst, wie das weiter geht. Jetzt der große operative Eingriff, keine Belastung, langer Krankenhausaufenthalt, Thrombose, Infekt, Ausbau, Komplikation über Komplikation. Ich rieche es schon. Dann möchte ich nicht Schuld sein. Und nebenbei bemerkt, stimmt es. Das war nichts für eine Kurzschaftprothese.“

Ich bin müde. Ich habe keine Lust, zu diskutieren. Ganz toll unter Ärzten, wirklich. Übrigens hatte der Patient mit dem Erysipel tatsächlich eine Thrombose. Allerdings auch eine Penicillinallergie, wie ihm zu später Stunde doch noch einfiel. Und mein Patient hatte einfach gar nichts. Er hatte sich einfach die Hüfte geprellt. Nach dem Fentanyl vom Kollegen Oberfeldwebel konnte er an seinen Unterarmgehstützen zurück in die Reha.

 

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Bildquelle: flickr.com, by John Loo

Jungen kochen, Mädels sägen, reicht nicht

Rollenverständnis

„Solange Väter Elternzeit ablehnen oder auf die zwei Anstandsmonate begrenzen, und auch sonst die Mutter dafür zuständig ist, ihre Termine zu verschieben, wenn etwas anders kommt als erwartet  – so lange sind Ärztin und Mutter sein, nicht zu vereinbaren.“

Eine Ärztin und Mutter von sechs Kindern berichtet auf meinem Blog, wie es ist, durch den Dschungel der Vereinbarkeit zu finden.

Ihre ausdrückliche Forderung: Wir müssen die Mädels im Kopf stark machen! Eine Vereinbarkeit ist nicht möglich, solange wir unsere Töchter, bewusst oder unbewusst, in ein altes Rollenschema hinein erziehen!

Hier geht es zum vollständigen Interview – vielen Dank dafür!

„Viele können nicht glauben, dass ich Mutter von sechs Kindern bin und noch arbeite.“

In einem weiteren Interview erzählt eine Anästhesistin und Mutter von 6 Kindern, wie es ist, ihren Alltag zu leben: einfühlsam, voll Freude, aber ohne die „After Work Party“. Vielen Dank!

Ich verneige mich vor euch. Für mich ist diese Aufgabe noch schwer vorstellbar, aber ich finde eure Antworten wunderbar ehrlich und inspirierend!

Wer mitmachen möchte  – HIER gibt es die Interviewfragen. Ausgefüllt einfach per Mail an unfallchirurginundmutter[@]googlemail.com oder als Kommentar zurück. Danke!

 

Bildquelle: flickr.com, by Frank Mago

 

 

 

Der härteste Job der Welt

harter job

„Meiner Einschätzung nach, ist Hausarbeit und Kinderbetreuung der härteste Job der Welt.“

„Aber als Teilzeitmutti wollte mich keine Klinik anstellen.“

„Meine Chefin bat mich, „kindkrank“, andersweitig zu organisieren.“

Das sind einige der neuesten Antworten zu meinen, nun schon bekannten, Interviewfragen für Ärztinnen und Mütter.

Die antwortende Neurologin ist Mutter zweier Kinder und berichtet vom Gerenne und Gezerre zwischen Familienleben und Arbeitswelt, auch auf emotionaler Ebene. Immer mit der Frage im Hinterkopf, wen man jetzt als erstes vernachlässigt – Patienten, Kinder oder Ehemann.

Vielen Dank für das ehrliche Interview.

Hier könnt ihr weiterlesen.

Wer anderen ehrlich erzählen möchte, wie die Vereinbarkeit zwischen Klinik und Kind gelingen kann – einfach mitmachen und die Interviewfragen auf unfallchirurginundmutter[@]googlemail.com zurückmailen!

 

Bildquelle: flickr.com, by Helge Thomas

Operation Baby & Beruf

Mutter im Sturm

2018. Wow. So schnell geht das. Da wird man schwanger, bekommt ein Baby und geht in Elternzeit. Und hat erst einmal Pause. Zeit zum atmen, zum leben. Zum Umdenken, zum Weg finden.

Aber plötzlich schrumpft diese Zeit, Woche für Woche. Ich entwickle so etwas Ähnliches wie Langeweile.

Ich habe viel zu tun, das ist es nicht. Aber ich werde plötzlich kreativ, bastel an Ideen, Überlegungen, spinne verrückte Sachen aus. Das ist gut. Mein Gehirn braucht Arbeit. Sonst schrumpft es.

Zum allerersten Mal seit ich Mutter bin, denke ich mit positiven Gefühlen an meinen Beruf. Ich schlage wieder die Bücher auf. Sehe mir operative Zugangswege an oder stelle mir die einzelnen Schritte bei Operationen vor. Die Entscheidung, in eine andere Klinik zu gehen, fühlt sich gut an. Und doch habe ich neben den zwei Ausfertigungen meines neuen Arbeitsvertrags, meinen Laptop aufgeklappt.

Wie geht es beruflich weiter?

Ich studiere die Weiterbildungsordnungen. Für Orthopädie und Unfallchirurgie. Für Rehabilitative Medizin. Für Allgemeinmedizin. Für Gesundheitsmedizin und Arbeitsmedizin. Für … wollte ich nicht einmal Gynäkologie machen?

Trotz der vermutlich besseren Arbeitsbedingungen in der neuen Klinik, fällt es mir schwer, mich als arbeitende Mutter in der Unfallchirurgie zu sehen. Wird es mir leicht fallen, mein Kind in eine Betreuung zu geben? Pünktlich von der Arbeit nach Hause zu gehen? Arbeit liegen zu lassen, weil mich meine Familie braucht und ich sie? Ist eine Vereinbarkeit überhaupt möglich? Wie wird die Aufteilung klappen zwischen meinem Mann und mir? Wie werden mein Mann und das Kind meine Nacht- und Wochenenddienste erleben?

Werde ich als arbeitende Mutter trotzdem in meiner von Männer dominierten Arbeitswelt gefördert werden? Werde ich weiterhin operieren dürfen und in meiner Facharztweiterbildung voran kommen? Werde ich meine Facharztweiterbildung überhaupt auch mit Kind meistern können? Wie viel Zeit brauchen wir als Familie? Wie viel Zeit brauche ich mit meinem Kind und mein Kind mit mir?

Ich bin beides: Unfallchirurgin und Mutter

Vielleicht werde ich ja doch Hausärztin. Sagen nicht alle, ein solches Arbeitsmodell sei besser mit der Familie zu koordinieren als ein Leben in der Unfallchirurgie und Orthopädie?

2018 wird ein Jahr der Entscheidungen. Aber meinem Kopf und meinem Herz ist jetzt schon einiges klar. Ich bin Unfallchirurgin und Mutter. Weder das eine noch das andere kann oder möchte ich ändern. Die zwei Welten in mir werden einen Kompromiss finden müssen.

Wie ist ein Alltag als Ärztin und Mutter organisierbar? Hier habe ich einen Fragebogen für alle Ärztinnen und Mütter entwickelt. Es haben bereits einige Leserinnen den Fragebogen ausgefüllt und ihn mir auf unfallchirurginundmutter[@]googlemail.com zurückgemailt. Freundlicherweise durfte ich auch schon mehrere davon anonym veröffentlichen.

Einer der neuesten Interviewbeiträge findet ihr hier – ausgefüllt von einer Ärztin, Internistin und Mutter von 4 Kindern. Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen!

Ich freue mich über zahlreiche weitere Rückmeldungen und Interviews, die ich veröffentlichen darf. Einfach mitmachen!

 

Bildquelle: flickr.com, by CircaSassy

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Hinter Bettgittern…

Rettung

„Hilfe, Hilfe!“ Es tönt ein Singsang durch den nächtlichen Flur. In Zimmer 3 liegt Gerda aus dem Pflegeheim. „Warum hilft mir denn keiner? Hilfe!“ Die Türe zu ihrem Zimmer ist offen. Genauso wie Türe 4 und 5. Gleiches Spiel, ähnliche Tonart, anderer Rhythmus. Eine weitere Patientin steht mit den geschlossenen Bettgittern vor dem Stationsstützpunkt. Damit die Pflegekraft, die die Tabletten richtet und auch noch für eine weitere Station zuständig ist, einen Blick auf sie werfen kann.

Die Pflegekraft, die für die 30 Patienten heute Nacht zuständig ist, springt von einer Türe zu nächsten. Als sie mich sieht, blickt sie erleichtert. „Bitte, Lieschen, tu was. Der Herr Boll aus Zimmer 4 steigt die ganze Zeit über seine Bettgitter. Ich kann ihn nicht auch noch auf den Flur stellen. Können wir ihn bitte fixieren? Er hat sich mal wieder seine Verweilkanüle gezogen und aus dem Katheter fließt es rot, weil er die ganze Zeit versucht, ihn zu ziehen. Jetzt ist es fast Mitternacht und er hat noch nicht einmal seine Abenddosis Antibiotikum bekommen wegen der Lungenentzündung.“

Die Patientin auf dem Flur schlägt um sich und versucht, über die Bettgitter zu steigen. Aufgrund ihrer dünnen Beine bleibt sie immer wieder in den Bettgittern hängen. Sie versucht mich zu beißen, als ich ihr sage, dass sie sich bitte hinlegen soll. Wenn sie so weiter macht, bricht sie sich noch mehr als ihren Oberschenkel, den wir gestern versorgt haben. Ein Glück hat sie noch eine Verweilkanüle. Tabletten oder einen Saft trinkt sie mir nicht freiwillig.

Als ich zu Herr Boll komme, zeigt sich mir Ähnliches. Nur, dass er schon zwischen den Bettgittern hängt. Er rasselt ziemlich, seine Atmung ist doppelt so schnell wie meine, seine Sauerstoffbrille liegt auf dem Boden und den Katheter hat er sich mittlerweile gezogen.

Während Zimmer 3 und 5 weiter zum Hilfe-Gesang starten, die Patientin auf dem Gang wieder munter wird und Zimmer 7 und 9 sich über den nächtlichen Lärm beschweren, rufe ich auf der Intensivstation an.

Begeisterung. Auf allen Seiten, natürlich nicht durchweg positiv.

Am nächsten Morgen fragt mich der Chefarzt, warum ich ein Intensivbett belegt hätte. Die vielen Kosten für so einen simplen Duokopf. Herr Boll käme heute wieder auf Normalstation. Ich weiß auch nicht. Aber simpel ist anders.

 

Bildquelle: flickr.com, by Tobias Zierof

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Eigentlich, wollte ich…

2Seiten

Eigentlich wollte ich im neuen Jahr die restlichen Mama-Pfunde los werden.

Eigentlich wollte ich im Januar auf zwei Fortbildungen fahren.

Eigentlich wollte ich dieses Jahr mein Buch fertig schreiben.

Eigentlich wollte ich ab März wieder arbeiten gehen.

Eigentlich wollte ich den gemeinsamen Urlaub planen.

Und

Eigentlich bin ich echt müde.

Eigentlich stehen mir die wenigen Kilos mehr, ganz gut.

Eigentlich reicht auch eine Fortbildung.

Eigentlich hat das Buch noch Zeit.

Eigentlich genügt es auch, wenn ich im Juni anfange, zu arbeiten.

Eigentlich ist Urlaub spontan, ganz ungeplant, einfach schöner.

Und

Eigentlich habe ich vor, mir und anderen, dieses Jahr, gut zu tun.

Fange ich doch einfach damit an. Ich gehe heute früh ins Bett.

Liebe Follower, Frohes neues Jahr! Genießt das Leben. Es ist ganz einfach. Eigentlich…

Bildquelle: flickr.com, by Maret Hosemann

„Ich blogge“ – das Interview mit mir

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Warum bloggt eine Unfallchirurgin und Mutter aus ihrem Alltag? Aus Langeweile?

Genau das hat sich die Fachzeitschrift „Der niedergelassene Arzt“ auch gefragt.

Deshalb haben sie mich interviewt. Freundlicherweise gestatten sie mir, den Artikel aus ihrem Heft zu veröffentlichen.

Hier könnt ihr lesen, warum ich diesen Blog mit Leidenschaft fülle:

Interview der niedergelassene Arzt

Ich freue mich auf ein neues, spannendes Jahr mit euch.

Guten Rutsch ins neue Jahr!

Bildquelle: unfallchirurginundmutter

Mein Engel kommt nicht an Weihnachten!

schneeengel

Draußen wird es weihnachtlich. Lichterketten, selbst gebastelte Sterne, Christbäume und Weihnachtsmänner zieren Fenster, Geschäfte und Vorgärten.

Was ist besonders an Weihnachten? Für mich nicht die Bäume, der Glitzer oder die Geschenke. Für mich sind es die Gesten, die von Herzen kommen. Die Worte, die ehrlich gemeint sind. Die kleinen Besonderheiten, die manchmal zum richtigen Zeitpunkt, unglaublich viel Kraft geben.

An einen dieser Momente erinnere ich mich immer wieder gerne. Aber lest selbst:

Es ist 20.45 Uhr. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Heute hatte ich, wie die ganze Woche, 45 Patienten auf der Normalstation zu versorgen. 45 Patienten – Die meisten nicht nur krank, weil sie bei uns in der Unfallchirurgie gelandet sind. Die meisten sind steinalt und internistisch ist schon vor dem Unfall die ganze Palette an möglichen Erkrankungen vertreten. Die Nieren halten sich einigermaßen in Schuss, bis sie dann bei uns landen und die Narkose die letzten Milliliter Ausscheidung killt. Der Zucker, der Blutdruck, die Herzrhythmusstörung, die Leber, das Gedächtnis, die verborgene Demenz. Da gibt es keine Reserve nach der Narkose und der OP. Das ist einfach für jedes einzelne System der Overkill. Zwei Patienten sind auf Intensiv gelandet, eine nach Reanimation verstorben. 6 Entlassungen, 6 Aufnahmen. Aufklärungen, Angehörigengespräche, Vorbereitungen für die OPs am Folgetag.

Einziger Ansprechpartner für die Schwestern, Patienten und Angehörige heute, war, wie die ganze Woche, ich. Personalmangel. Priorität nach Priorität nach Priorität. Keine Zeit für nichts. Ich renne und renne und renne, den ganzen lieben langen Tag.

Jetzt ist eigentlich der Nachtdienst dran. Warum ich noch hier bin? Ab morgen bin ich auch für die Privatstation zuständig. Das heißt, heute Abend war der Chef mit mir dort zur Visite. Damit ich schon mal alle Patienten kenne für die nächste Woche. Die Hälfte der Patienten kenne ich leider nur zu gut. Ihnen gefällt es hier anscheinend, ihre Anforderungen an das Personal sind unerfüllbar hoch. Die andere Hälfte der Patienten sind ebenfalls internistisch vernachlässigte kranke Alte. Die Körper dulden oft keinen zusätzlichen Tag abwartendes Verhalten. Sie fühlen sich an wie Bomben, deren Zündschnur gerade eben angezündet wurde. Die Lunge ächzt und stöhnt, das Wasser ist in den Beinen und nicht in den Gefäßen, die Wunden nässen und heilen nicht. Rosige Zukunft.

Morgen muss ich außerdem Fortbildung halten für meine Kollegen. 45 Minuten. Dafür habe ich bisher 2 Powerpointfolien fertig. Das muss ich heute also auch noch erledigen. Zuhause wird das nichts, deshalb bin ich hier. Und jetzt steht die Schwester im Arztzimmer und gibt mir Bescheid, dass ich in die Notaufnahme kommen soll. Es sei dringend. Mein Diensttelefon ist aus. Das heißt, jemand hat sich wirklich bemüht, mich zu finden und mindestens 3 Stationen abtelefoniert. Ich frage, um was es geht. Schulterzucken. „Er sagte, du sollst dich beeilen.“ Also marschiere ich los, Richtung Notaufnahme.

Ich kann nicht mehr. Momentan ist alles zu viel. Ich bin Ärztin, ja. Aber ich bin auch Mensch. Ich habe keine Reserven mehr. Nicht nach Monaten unter dieser Belastung. Ich verlangsame meine Schritte, als ich merke, dass meine Wangen nass sind. Von meinen Tränen. Ich hasse es. Aber es tut gut. Ich wische die Tränen weg und öffne die Türe zur Notaufnahme.

Eine Frau kommt auf mich zu, ich erkenne sie nicht. „Ich bin Frau Engel, die Frau, die sie letzten Monat in einer Mittwoch Nacht zusammengeflickt haben. Wissen Sie noch? Ich war vom Fahrrad gestürzt und mein ganzes Gesicht, die Arme, die Händen, die Beine, die Knie. Alles war offen. Es war schon sehr spät und sie hatten so viele Patienten hier. Aber Sie haben sich trotzdem toll um mich gekümmert. Alle Wunden so sauber genäht. Sehen Sie? Man kann nicht einmal mehr die Narben im Gesicht sehen. Und Sie haben mich gleich beruhigt, waren so herzlich und haben alles organisiert. Ich bin Ihnen wirklich dankbar dafür. Vielen Dank!“

Sie hält einen Korb in der Hand. Darin sind selbst gebackene Kekse, Getränke, eine Karte, Schokolade und Obst. Ich muss schlucken. Sonst werden aus Tränen der Wut, Tränen der Rührung. „Vielen Dank Frau Engel, Sie sind heute meine Rettung.“ Sie winkt und verabschiedet sich. Als ich mich umdrehe um zurück zu meinem Schreibtisch zu gehen, steht mein Chef vor mir, der gerade gehen will. Ich sage: „Die Fortbildung muss morgen leider ausfallen. Aufgrund der dünnen Personaldecke ist es aktuell wohl nicht besonders sinnvoll, eine Fortbildung zu halten. Ich werde das dann nächste Woche nachholen.“ Er nickt. „Einverstanden.“ Ich nehme den Korb und gehe nach Hause.

Mein persönlicher Engel kam in einem Frühjahr. Nicht zu Weihnachten.

Frohe Weihnachten liebe Follower!

 

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Bildquelle: flickr.com, by Michael Pollak