Die „Notaufnahmeschwester“ packt aus

Notaufnahmeschwester

Ende März habe ich einen Artikel veröffentlicht: „Ich wünsche mir mehr Mittelfinger“. Es geht um die Arbeitsbedingungen im Gesundheitssystem und warum ich mich darüber wundere, dass nicht mehr Menschen, diesem Gesundheitssystem den „Mittelfinger“ zeigen.

Am 31.03.18 schreibt die „notaufnahmeschwester“ einen Text auf ihrem Blog „And now her watch is ended“.

DIE „Notaufnahmeschwester“, bekannt aus ihrem gleichnamigen Blog „notaufnahmeschwester.com“, gibt ihren Job in der Notaufnahme auf!

Die Bloggerin, die im Januar dieses Jahres für ihren Blogtext „Ihr Lappen!“, den goldenen Blogger Award verliehen bekam, verlässt ihren Heimathafen „die Notaufnahme“ nach 21 Jahren.

Ist das ihr persönlicher Mittelfinger?

Die „Notaufnahmeschwester“ verkörpert für mich Vieles in diesem System. Verantwortungsbewusstsein, Menschlichkeit, Empathie, soziales Verhalten, Humor, Sarkasmus, Komik, Tragik, Herzlichkeit, Stärke und Ehrlichkeit. All das findet man geballt in der Notaufnahme. Nirgendwo anders findet man die gesamte Bandbreite der menschlichen Abgründe so eng beieinander. Es erfordert fundiertes Wissen und eine Menge hervorragend trainiertes Bauchgefühl, sich in diesem Dschungel zurecht zu finden. Von den vielen Notaufnahmeschwestern, mit denen ich bisher zusammen arbeiten durfte, habe ich verdammt viel gelernt. Für jede einzelne Erfahrung bin ich dankbar.

Leider erlebe ich es immer mehr, dass gerade dieser Bereich in den Krankenhäusern (nebst allen anderen) massiv überlastet wird. Die Notaufnahmeschwestern und -pfleger arbeiten sich buchstäblich kaputt. Warum ist das so? Und vor allem, warum wehrt sich keiner? Was hat sich in den vielen Jahren geändert und was müsste sich ändern?

All diese Fragen durfte ich der Notaufnahmeschwester stellen.

Liebste Notaufnahmeschwester, ich danke dir für deine ehrlichen, herzlichen, nachdenklichen und ausführlichen Antworten im Exklusiv-Interview. Ich wünsche dir das Allerbeste für deinen Neuanfang!

Wer sie unterstützen möchte – folgt ihr doch auf ihrem wundervollen Blog.

 

Bildquelle. flickr.com, by valentin.d

 

Advertisements

„Ich WILL aber nicht!“

Trotzphase

Die 1-jährige liegt strampelnd auf dem Boden vor mir: „ICH WILL NICHT!“ Sie tritt und schreit und weint. Die Trotzphase sagt „HALLO“. Ich zucke mit den Achseln und lasse sie brüllen. Als das Schlimmste vorbei ist, hole ich ihr Kuscheltier und lenke sie ab. Eine lange Umarmung tröstet sie etwas.

Irgendwie bin ich neidisch. Einfach mal alles raus brüllen? Die ganze Anspannung, die runter geschluckten Kommentare, die einem auf der Zunge liegen, die nicht ausgesprochenen „NEIN“s des Alltags? Herrlich muss das sein!

Eine der größten Herausforderungen für mich sind kranke Patienten, die krank sein wollen. Oder auch Patienten, die gesund sind, aber krank sein wollen. Die gerne leiden, weil der sekundäre Krankheitsgewinn gut tut – Umarmungen, Kümmern, Aufmerksamkeit. Sie lamentieren und jammern und nerven. Am liebsten würde ich flüchten und sagen: „Nein, ich mag Ihnen nicht mehr zuhören.“

Auch im Kollegen- und Freundeskreis geht es weiter. Eigentlich würden sie doch sooo gerne in einer anderen Abteilung arbeiten, aber aktuell geht das eben nicht. Sowieso würden sie gerne überhaupt wieder arbeiten, aber wegen der Kinder geht es nicht, oder wegen dem Ehemann, oder wegen was-auch-immer. Eigentlich würden sie lieber zu Hause bleiben, als zu arbeiten, aber es geht ja nicht, weil…  Sowieso ist alles total anstrengend und das Leben so hart. Die Endlosschleife der Jammeritis ist für mich unerträglich. Noch unerträglicher als der Trotzanfall. Deshalb kommt es hier tatsächlich hin und wieder zum Fluchtreflex oder zum entsprechenden: „Ändere das, was dich stört, aber höre auf, mich damit zuzumüllen.“

Vielleicht schlage ich ihnen das nächste Mal einen kleinen bis größeren Trotzanfall vor. Alles rausbrüllen? Und dann ist wieder gut? Leider befürchte ich, dass das bei diesen Menschen nicht funktionieren wird.

Auf dem Blog „StrebensWert“ gibt es einen hervorragenden Artikel zum Thema „Muss ich heute schon wieder tun, das ich will?“.

Christopher Dedner versteht es, dieses Verhalten zu durchleuchten und fasst es unglaublich gut zusammen. Hier geht es um Verantwortung. Verantwortung für sich und sein Verhalten zu übernehmen. Sich die richtigen Fragen zu stellen und entsprechend zu handeln. Er schließt mit einer praktischen Anleitung zum Selbsttest ab. Probiert es einfach mal aus. Oder besser noch – schickt den Link doch an die Jammernden!

 

Bildquelle: flickr.com, by Tredok

Zurück in den Sattel

Pferd

Bald geht es zurück in den Sattel. Ich werde die anstrengenden, entspannten, freudigen, müden und glücklichen Tage in Elternzeit hinter mir lassen und wieder zur Arbeit im Krankenhaus übergehen.

Bis vor kurzem bestimmte eine innere Unruhe, zuweilen Aufregung und Angst dieses Thema. Wird mein Leben noch anstrengender und müder? Oder freudiger und glücklicher?

Mittlerweile wird meine Stimmung von reiner Vorfreude bestimmt. Die Eingewöhnung in der Kita ist in vollem Gange, mein Kind fühlt sich wohl. Mein Geist und mein Gehirn sind chronisch unterfordert. Ich habe eine Reihe für mich sehr untypischen Tätigkeiten begonnen um der geistigen Langeweile zu entgehen. Kreativität entsteht nur aus Langeweile. Das ist eine schöne Sache. Allerdings verdiene ich damit kein Geld.

Die zahlreichen Mamas starren mich jetzt sicherlich unglaubwürdig an. Es gibt so viel zu tun. Damit haben sie Recht. Es gibt immer etwas zu tun. Aber nichts davon grenzt an mein empfundenes Gefühl der Freiheit, endlich wieder arbeiten gehen zu dürfen.

Es verschafft mir Unabhängigkeit, Selbstwert, Selbstvertrauen und Geld. Mein Gehirn muss denken, überlegen, sich schnell auf Neues einstellen. Meine Beine müssen endlich wieder über die Flure gehen. Meine Hände müssen endlich wieder eine Schulter reponieren, ein Skalpell in der Hand halten oder einen Hammer.

In der Unfallchirurgie ist das Arbeiten von kurzen Erfolgen geprägt. Die Wunde ist vernäht, die Oberschenkelfraktur versorgt und die Prothese implantiert. Fertig. Das macht zufrieden.

Ich machen mir keine Illusion. Das Pferd wird mich immer und wieder abwerfen. Aber mittlerweile falle ich weich. Denn zu Hause wartet meist ein kleines Persönchen, das geknuddelt werden möchte.

 

Bildquelle: flickr.com, by Andrea & Stefan

Das Ei im Nest

P1000053

Die Nachbarklinik ruft an.

Fehlende OP-Kapazität. Knapp vor Ostern ist einfach alles ausgebucht.

Dabei hätten sie doch so gerne Frau Hase operiert. Die Frau mit der entzündlichen Coxarthrose. Die nun seit einer Woche so schmerzhaft ist, dass sie nicht mehr gehen kann. Aber vor Ostern wird das nichts mehr in der Nachbarklinik. Sie seien selbst zu Tode betrübt, die freundliche, verständige Patientin nicht operieren zu können. Aber zum Wohle der Patientin, hätten sie nun eben doch zum Telefonhörer gegriffen. Auch keine große Liste an Nebenerkrankungen sei bekannt. Keine Blutverdünner nehme die Patientin und das Herz sei auch schwer in Ordnung.

Der OP-süchtige Unfallchirurg greift natürlich beherzt zu. Eine größere Freude könnte er seinem Chef zum Osterfest nicht machen. Da bleibt das morgendliche Lob in der Besprechung sicherlich nicht aus. Und vielleicht wird es ja sein Ostergeschenk, diese Hüft-OP. Das macht sich besonders gut im OP-Katalog.

Als Frau Hase allerdings zur Aufnahme anrollt, wird schnell klar, dass die Nachbarklink mal wieder ein berüchtigtes Kuckucksei in unser Nest gelegt hat. Mit beinahe 180kg passt sie gerade eben so auf die maximale Belastbarkeit der OP-Säule. Da bekommt der Unfallchirurg und seine Abteilung mal richtig was zu arbeiten, so kurz vor Ostern.

 

Frohe Ostern!

 

Bildquelle: flickr.com, by Lori L. Stalteri

Ich wünsche mir mehr Mittelfinger

Mittelfinger

Jahrgangstreffen der Uniabsolventen. Ein Graus. Stolz geschwellte Hühnerbrüste, verpackt in teure Klamotten, an den Handgelenken die Luxusuhren und um das Hals das Stethoskop. Für einige Männer wären Zollstöcke notwendig gewesen, um den Schwanzvergleich zu beenden. Ich hätte Eimer gebrauchen können. Mehrmals stündlich hatte ich das unwirkliche Gefühl, wieder schwanger zu sein. Die Übelkeit stand mir an der Unterlippe. Einige Male musste ich mich abrupt aus einem Gespräch abwenden, um nicht angeekelt das Gesicht zu verziehen. Andere wiederum stellten ihre lang gepflegten dünnen Körper mit masochistischem Einsatz zur Schau und konkurrierten um die schwärzesten Augenringe. Trübe Aussichten.

Aber dann waren da noch die  Menschlichen unter den Menschen. Was habe ich die Gespräche genossen. Die Ehrlichkeit und die Herzlichkeit. Mit den besten Witzen über unsere Berufsgruppe, die Ironie und den Sarkasmus im Gepäck, konnten mich meine liebevollen Chaoten davon überzeugen, dass es auch noch Ärzte mit Herz gibt. Welche mit Charme und Standhaftigkeit und mit Rückgrat und Mut. Für diese Menschen bin ich unglaublich dankbar.

Nach zahlreichen Erzählungen über die Arbeitsbedingungen meiner ehemaligen Kommilitonen/-innen, kann ich im Nachhinein nur eines sagen:

„Ich wünsche mir mehr Mittelfinger!“:

Woran es Ärzten in Kliniken definitiv nicht mangelt: 36-Stunden-Schichten. Schlafmangel. Opt-Out-Verträge als Grundvorausetzung für eine Anstellung. Woran es den meisten von ihnen leider sehr wohl mangelt, ist Mut. Warum lassen wir uns so viel gefallen?

Die Krankenhäuser sind überlastet. Überall herrscht Ärztemangel. Ärzte mit geeigneter Qualifikation zu finden, ist rar. Man wird an allen Ecken und Enden gebraucht. 

Die Arbeitsbedingungen sind schlecht. In noch weiten Teilen in Deutschland gibt es 24-Stunden- oder gar 36-Stunden-Schichten, Opt-Out-Verträge und keinen Freizeitausgleich. Überstunden gibt es nicht, viele Ärzte werden automatisch ausgestempelt und arbeiten unbezahlt weiter um die Patienten zu versorgen. Briefe müssen geschrieben, Entlassungen vorbereitet, Erythrozytenkonzentrate angehängt und Angehörigengespräche geführt werden. 

Sie tolerieren Schlafmangel, arbeiten krank, schimpfen über kranke Kollegen, lassen ihre Familie im Stich oder haben keine. Sie verzichten auf Freizeit, Geld und Gesundheit. 

Sie lassen es zu, von ihren Chefs beschimpft zu werden. Sie neigen den Kopf, wenn ihnen versprochene Tätigkeiten verwehrt werden. Sie akzeptieren cholerische Chefs, die sie vor anderen Mitarbeitern bloß stellen. 

Warum wehren sich die Ärzte nicht? In einer Generation, für die Freizeit und Familie scheinbar einen so hohen Stellenwert haben soll? Zu einer Zeit, in der sie ohne Probleme Forderungen stellen könnten? In der sie überall einen Job finden könnten? 

Werden solche Sachbehalte in den Kliniken besprochen, sieht man einstimmiges Kopfnicken. Kommt es zu Gesprächen mit Ober- und Chefärzten oder gar der Verwaltung, ist da nur noch gebücktes Kopfschütteln. 

Ich wünschte mir für unsere Generation mehr Mittelfinger. Für den Anfang würden mir auch ein gerader Rücken und zwei feste Beine auf dem Boden schon genügen.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf doccheck.com

Bildquelle: flickr.com, by Mike Bonitz

„Ach, der schon wieder!“

Gespräch

Herr Dr. Super-Hausarzt vom Dienst schickt mal wieder den hoch akuten Bandscheibenvorfall vorbei. Der natürlich keiner ist. Wie wir ja alle schon wussten, bevor der Patient überhaupt untersucht wurde.

Denn unser Dr. Super-Hausarzt vom Dienst übertreibt gerne ein wenig. Oder ein ganz großes Bisschen mehr. Seine Einweisungsscheine werden grundsätzlich mit einem Augenrollen und Seufzen entgegen genommen.

Schon unsere Jüngste im Team, Kollegin Frischling, weiß genau, dass man in der Morgenbesprechung bei diesem Namen zu stöhnen hat. Dem ein oder anderen Oberarzt entweicht auch ab und zu ein „Der schon wieder.“ Oder ein „Nicht noch einer vom Super-Hausarzt.“

Dass Herr Dr. Super-Hausarzt vom Dienst auch nur seinen Job macht, wird gewissenhaft ignoriert. Ist ja auch einfacher, sich über die anderen zu beschweren. (siehe auch meinen Blogpost: „Die Fehler der anderen.“)

Allerdings ist mir dieses abschätzige Gerede oft zuwider. Ich fühle mich unter Druck gesetzt, keine Fehler zu machen. Dann könnten die anderen ja auch so über mich reden. Das wäre mir unangenehm. Leider bleiben aber die Fehler nicht aus. Das gehört nun einmal zum Lernprozess dazu.

Da schicke ich doch lieber einen verdächtigen Rückenschmerz in die Klinik, als den Bandscheibenvorfall zu übersehen. Oder?

Dass dieses unkollegiale Verhalten Auswirkungen auf uns hat und zu Unmut in der Abteilung führt, beschreibt Dr. Christopher Dedner in seinem Beitrag „Große Veränderung für kleines Geld“ auf seinem toll aufgebauten Blog „StrebensWert“. 

Ein toller Artikel über die Folgen der negativen Kommunikation. Und mit einem besonderen Highlight am Ende: Er erklärt uns, wie wir diese Kommunikation dauerhaft verändern können. Da könnten wir doch wirklich mal was lernen – DANKE!

 

Bildquelle: flickr.com, by Kompetenzzentrum: P…